Donnerstag, 11. Dezember 2025

Kurzgeschichte Nr.15 "Gute Aussichten"

Es gab keine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Das deprimierte Marianne sehr. Hätte sie damals doch bloß anders entschieden... Aber damals wusste sie es nicht besser. Sie dachte sich, daß normale Menschen maximal einmal in ihrem Leben die Möglichkeit erhalten, viel Geld zu besitzen, und damit dann völlig überfordert sind und schlussendlich diesen einmaligen Besitz falsch investieren und so wieder verlieren. Reiche Menschen dagegen haben große Vorbilder in ihrer Familie, können mit der Vermögenssituation ganz viel Erfahrungen sammeln und sich teuer beraten lassen und finden so ihren Weg, das Geld sicher zu behalten und zu mehren. 

Manchmal war sie sich nicht sicher, ob sie Geld nicht vielleicht hasste... Nie hatte sie auch nur den geringsten Cent angespart,- ging immer gleich auf Null. Keine Ersparnisse, keine Absicherung im Alter,- dabei war die Altersabsicherung in dem Land, in dem sie lebte, keine sichere Sache! Aber nichts war sicher: auch nicht die Gesundheit. Was, wenn sie wirklich gebrechlich werden würde und dann Hilfe im Alltag benötigte? Wer würde ihr dann beistehen? Sie hatte regelrecht Angst vor ihren letzten Lebensjahren und dachte immer wieder daran. Das ist nicht gut, sagte sie sich, von diesen negativen Gedanken kriegst du noch Krebs! 

A propos negativ: wie oft sah sie traurige Menschen in der Öffentlichkeit! Gerade heute wieder einen alten Mann, der in gebückter Haltung ganz langsam zu Fuß unterwegs war... Das Gesicht dem Boden zugewandt, krummer Rücken und die zur kalten Jahreszeit unpassende Sonnenbrille schief auf der Nase. Der Gesichtsausdruck war mitleiderregend: er schien die gesamte Gram des Alters auszustrahlen. Einsamkeit, Einschränkung, Hoffnungslosigkeit. Marianne hatte schon lange die Vermutung, daß Deutschland, gerade weil es so modern ist, nicht zu den glücklichen Nationen dieser Welt gehört. Die Zivilisation brachte eben nicht nur Fortschritt, sondern bedeutete auch, daß viele Dinge, die sich in der Vergangenheit kleine Unendlichkeiten lang bewährt hatten, nun fehlten,- bitterlich. 

Heute Nacht hatte sie einen Traum gehabt, der ziemlich wundersam war: sie hatte vom Weltall geträumt... Davon, daß sie darin umherfliegen könnte und alle möglichen Planeten besucht hätte. Auf jedem dieser Globen war Leben: quietschebunt, vielfältig und fantastisch. Das Alter gab es dort nicht. Alle Bewohner waren gleichalt, mit einer Persönlichkeit, die zwischen kindlich und erwachsen hin und herwechselte, aber eben nie weise und wirklich lebenserfahren war. Das war vielleicht gruselig gewesen! Marianne schauderte, wenn sie an diese hyperaktiven Welten aus ihrem Traum zurückdachte... Dabei war das Alter doch so wertvoll! ...Zumindest war es das früher einmal. Früher waren die Alten noch in ihre Familien-Clans eingebunden und nicht zu den anderen Rentnern in ein Heim abgeschoben. Damals hatten sie noch Kontakt zu jüngeren Menschen und lebten mitten unter Familienmitgliedern jeden Alters, hatten also auch Kontakt zu Kindern, ja sogar zu Babys. Heutzutage sind die Ältesten meistens unter sich, weil sich die Andersaltrigen nicht mehr für sie interessieren. Auf die meisten Jüngeren wirken die Alten spießig, langweilig und ermüdend. Früher galten sie als weise, humorvoll und frech, und hatten gerade zu Jugendlichen und Kindern einen besonderen Draht. 

Marianne beschloss, daß sie einfach nicht mehr über traurige Dinge nachdenken würde, weder über das verlorene Geld, noch über Einsamkeit im Alter,- das führte eh zu nichts. Vorerst erleichtert atmete sie einmal tief ein und wieder aus. In diesem Moment hörte ihr Herz auf zu schlagen. Erst wurde ihr schwindelig, dann brach sie zusammen... Wie schön ist doch die Farbe Grün, dachte sie sich noch, und schon war sie tot.

HvvH`11/12/25 Entstanden in Neugreußnig (Ebersbach) bei Döbeln, Sachsen 

Kurzgeschichte Nr.15 "Gute Aussichten"

Es gab keine Möglichkeit zur Wiedergutmachung. Das deprimierte Marianne sehr. Hätte sie damals doch bloß anders entschieden... Aber damals w...